Gesellschaftspolitik 2005

Anmerkungen zu zeitgenössisch-republikanischer „Kulturpolitik“ — Geschichte in Fortsetzungen

 

Wegwerfen, ausverkaufen, niederreißen oder:
„Ich bin angetreten, Österreich zu modernisieren“

Wolfgang Schüssel, derzeit und zum gravierenden Schaden Österreichs Bundeskanzler, hat für Kaiserliche Traditionen, wie er über die Medien mitteilte, wenig Verständnis; er sei vielmehr angetreten, das Land zu modernisieren. Genau das hatten wir von Anfang an schon befürchtet. Leider ist Jörg Haider als Notbremse abhandengekommen. Und so verwirklicht ein Mann, dessen Denken durch krassen Progressismus kontaminiert ist, ungehindert ein Programm, das ultrakapitalistische Raubbauwirtschaft mit linksextremer Kultur- und Gesellschaftspolitik kombiniert. Die Österreichische Volkspartei, wir haben schon öfter daran erinnert, ist einmal staatstragend gewesen und ein Segen für Volk und Land; die Politiker, die sie damals maßgeblich ausgemacht und bestimmt haben, stehen noch heute als wirkliche Staatsmänner und große Menschen vor uns. Eine ehrfurchtgebietende Vergangenheit, die aber leider nicht mit einer entprechenden Gegenwart korreliert. Mit Ende der verdienstvollen Ära von Bundeskanzler Joseph Klaus kam die Machtübernahme der Linken im Vaterland und damit kamen auch jene Veränderungen in Staat und Gesellschaft, die Österreich seither wie ein ekelerregender Aussatz entstellen. Damals haben nachhaltige Veränderungsprozesse auch die Landschaft der politischen Parteien erfaßt. Für die Volkspartei hat ein (vom opportunistischen Kirchenkurs unter dem Wiener Erzbischof König zusätzlich stimulierter) weltanschaulicher Erosionsprozeß begonnen, welcher die Christlich-konservative Partei von einst in jene durch und durch verrottete liberale Abkassier-Partie verwandelt hat, der wir uns als Regierung Schüssel gegenwärtig gegenübersehen. Im wesentlichen verrät die Övp heute alles, wofür die Övp der Jahre 1945-1970 — zum Wohl der Heimat — eingestanden ist. Die Beispiele für diesen weltanschaulichen Verrat sind mannigfaltig; besonders anschaulich fallen sie allerdings im Bereich des Kulturellen aus. Zahlreiche Skandalfälle, einer drastischer als der andere, reihen sich zu einer Bilanz kulturpolitischer Verheerung aus den letzten 20 Jahren, an welcher die Volkspartei maßgeblich beteiligt war beziehungsweise die sie direkt zu verantworten hat. Was nicht alles läßt sich hier aufzählen: Da war das bisherige Haupt- und Pilotprojekt zeitgeistiger Stadtverwüstung — das Zerbrechen des historischen Ensembles der bis ins Barock zurückgehenden Hofstallgebäude an einem der prominentesten Plätze der Wiener Innenstadt durch minderwertige Klotzarchitektur eines sogenannten „Museums moderner Kunst“; die Linke hieb solcherart in trauter Eintracht mit den Funktionären der Volkspartei — Busek, Görg, Gehrer — „demokratische Schneisen“ durchs imperiale Wien. Dann erinnern wir uns der Beschmierung der renovierten Redoutensäle in der Wiener Hofburg durch abstraktes, den Eindruck von Unappetitlichkeiten erweckendes Gekleckse; die Säle waren zuvor (1992) abgebrannt (oder vielleicht auch abgebrannt worden) und Schüssel war, wenn wir uns recht erinnern, politisch maßgeblich für die „Renovierung“ verantwortlich. Und dann all die grandiosen Ernennungen wundervoller Museumsdirektoren, direkt durch diverse Vp-Politiker! Das übertrifft alles, was die Roten auf diesem Sektor bislang zuwegegebracht haben, um Größenordungen. Das Museum für angewandte Kunst in Wien — linksextrem heruntergewirtschaftet. Das Technische Museum in Wien — ausgeräumt, niederdesigned und langweilig geworden. Die Albertina in Wien (immerhin die bedeutendste graphische Sammlung der Welt) — schwer beschädigt und verunstaltet. Das Heeresgeschichtliche Museum in Wien — immer wieder von Nachdenkprozessen über seine Umwandlung beziehungsweise Eliminierung betroffen (ist ja dem Kaiserlichen Heer gewidmet und somit politisch „unkorrekt“) und ohne Geld für die Renovierung von Seitentrakten zur dringend benötigten Erweiterung der Ausstellungsflächen. (Während für schwachsinnige modernistische „Kunsthäuser“ in allen Landeshauptstädten Milliarden zum Fenster hinausgeleert werden). Das Joanneum in Graz — vor der Ruinierung; es wird, was könnte man denn sonst schon damit machen, von den machthabenden Vp-Landes-Politbonzen in ein „Museum“ moderner „Kunst“ verwandelt; an der bislang schon durch moderne „Kunst“ verseuchten „neuen Galerie“ am Joanneum ist derzeit eine der Bewerbung der linksterroristischen Raf gewidmete Ausstellung zu sehen; höchste kulturpolitisch Verantwortliche in der Steiermark: Vp-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic.

Das heimische Museum als permanente Verkaufsausstellung

Die Krönung von all dem ist wohl das Kunsthistorische Museum in Wien, dessen Direktor (Vp-Protegé) sich eines der weltweit bedeutendsten Werke der Goldschmiedekunst stehlen läßt; bequem über ein an der Fassade montiertes Baugerüst; wobei weder der seinen Aufgaben offenkundig nicht gewachsene und auch sonst in seinem Wirken sehr beeinspruchte Direktor, noch die verantwortliche und ebenso lang wie inkompetent amtierende Kultusministerin Gehrer zum Rücktritt gezwungen werden; dafür aber konnte man in den letzten Jahren moderne „Kunst“ im bis dato davon verschont gebliebenen Kunsthistorischen ausgestellt sehen, was Schüssel über den Verlust der Saliera wahrscheinlich tröstet. Das innovative Abhandenkommen von Museumsbeständen bleibt freilich nicht auf das Kunsthistorische Museum beschränkt. Da hätten wir das ehemalige Tabakmuseum in den Hofstallungen in Wien, eigentlich unverkäufliches Staatseigentum; beim Verkauf der „Austria Tabak“ an den britischen Gallaher-Konzern wurde es von der offenkundig dem historischen Erbe gegenüber gänzlich ignoranten Regierung Schüssel gleich mitverscherbelt; dem der „Austria Tabak“ zugehörigen, weltweit einzigartigen, der Kulturgeschichte des Tabaks gewidmeten Museum, dessen Bestände, wie das Meiste in Österreich, was zählt, zum Großteil noch in der Kaiserzeit zusammengetragen wurden, bekam der Verkauf schlecht; es wurde versaftet; der Konzern (an altem Kulturgut überaus interessiert, wie man sieht) ließ rasch bedeutende Teile der Sammlung versteigern. Und da hätten wir überdies noch die umfangreichen fragwürdigen „Restitutionen“; diese werden von einer unserem Eindruck nach einseitig besetzten und voreingenommen agierenden Kommission geprüft und betreffen zentrale Kunstbestände in Österreichs Museen und Bibliotheken; die linksorientierten Medien begrüßen diese vorzugsweise ans Ausland gehenden „Restitutionen“ enthusiastisch, was alleine schon mißtrauisch machen sollte; das Kaiserhaus, von der republik, den Nazis und dann nochmals von der republik ausgeraubt, ist von der Regierung Schüssel von Restitutionen freilich speziell ausgenommen und erhält gar nichts; bemerkenswert ist überdies, daß anscheinend keinerlei Versuche gemacht werden, diverse aus jenen „Restitutionsvorgängen“ in Versteigerungen gelangende Kunstwerke zurückzukaufen. Wie schon angemerkt, die historische Substanz des Landes ist der derzeitigen Regierung unwichtig. Und weil Sparsamkeit der Regierung Schüssel ein so großes Anliegen ist, hätten wir da noch die klandestin immer wieder kolportierten (und offiziell selbstverständlich bestrittenen) Pläne, als lästig empfundene Museums-, Archiv- und Bibliotheksbestände (deren Verwaltung ja auch Geld kostet) wegzuwerfen, oder zu verkaufen, oder „abzutreten“. Wo mag etwa die Bibliothek des Statistischen Zentralamtes hingekommen sein, fragt man sich, kann jemand Auskunft erteilen? Große Teile der (übrigens überaus wertvollen) Kartensammlung des Kriegsarchivs in Wien, so soll es im Bundeskanzleramt ventiliert werden, könnte man an die Kroaten und anderweitig Interessierte einfach weggeben; und wenn dann am Weg zwischen Wien und Agram ein paar der wertvollen Karten „verloren“ gehen sollten, wer wird das denn je bemerken? Ach ja, der Staat hat zuwenig Geld! Es gibt daher kein Geld für die alten Archive, die alten Bibliotheken, den Denkmalschutz (dessen Mittel durch MinisterIn Gehrer besonders weitreichende Kürzung erfahren haben). Aber — schau, schau, es gibt staatliche Gelder noch und noch für zeitgeistgemäß-psychodelische „Architektur“ (Lentos-„Museum“ in Linz, blasenartiges „Kunsthaus“ in Graz), für linkes Theater, für modernen „Kultur“-Dreck jeder Art. Die Zukunft von Österreichs kulturellem Erbe hingegen: gestohlen, verschenkt, in Sonderangeboten verkauft, weggerissen, auf den Müll geleert. Aber nein, kein absurdes Übertreiben — kulturpolitischer Alltag in der modernisiert werdenden republik. Gehen wir in die Details des gerade aktuellen Skandals.

Das Hofkammerarchiv in Wien

Wenige Schüler werden es kennen; wie sollten sie auch; das Hofkammerarchiv in der Wiener Innenstadt ist ja lediglich eines der ältesten Archive des Landes und eines der bedeutendsten seiner Art auf der Welt. (Noch verfügt Österreich über zahlreiche Institutionen, über deren Rang im Superlativ zu sprechen ist; unseren Schülern sind unter der Ägide der Vp-KultusministerIn Gehrer allerdings umfangreich die Geschichtsstunden gestrichen worden, sie werden im Unterricht all diese Institutionen daher nicht kennenlernen können; an den Schulen hat man sich derzeit auch eher mit Jelineks Nobelpreis-Pornographie zu befassen). Das Hofkammerarchiv ist das Archiv der Kaiserlich-Habsburgischen Finanz- und Wirtschaftsverwaltung.  Es beherbergt mit mehr als 30 Millionen Akten aus rund 800 Jahren historische Dokumente von unschätzbarem Wert; das älteste ist eine Urkunde Kaiser Friedrich Barbarossas von 1170 für das Kloster Sankt Paul in Kärnten. Was seit dem 16. Jahrhundert kontinuierlich gesammelt wurde, ist der aktenmäßige Niederschlag jener Entscheidungen, durch welche das Haus Habsburg die Wirtschaft Mitteleuropas gestaltet hat. Aufzeichnungen zu Krieg, Frieden, Diplomatie (etwa über die habsburgischen Gesandtschaftsgeschenke für osmanische Würdenträger oder die Kredite des Bankhauses Fugger an die habsburgische Weltmacht), zu dynastischen Angelegenheiten (etwa Hochzeiten, Staatsbegräbnisse, Krönungen), zu allen Belangen der Wirtschaft (von der Textilerzeugung in Böhmen über Post-, Salz-, Tabakmonopol bis zum Levantehandel) von der Finanzierung von Kunst und Kultur aus Staatsgeldern (für erste Meister der abendländischen Kulturgeschichte wie Dürer, Tizian, Fischer von Erlach, Gluck, Mozart), über den Bau von Straßen (so die erste Österreichische durch Dalmatien oder die über den Arlberg) und die Gründung von Kolonistensiedlungen (etwa an der Militärgrenze), über das Geldwesen (etwa den Handel mit Maria-Theresien-Talern), über die Bekämpfung von Vampiren (1732 in Siebenbürgen, was offenbar eine der historischen Grundlagen für die spätere Dracula-Literatur darstellt), über technische Einrichtungen und Erfindungen (dampfbetriebene Wasserpumpen für Bergwerke) und Großprojekte (Plan eines Österreichischen Suezkanals von 1792) bis hin zur Arbeit des einfachen Österreichischen Beamten über mehrere Jahrhunderte. Neben diesen historischen Beständen von Weltrang ist an sich das Gebäude des Hofkammerarchivs in der Johannesgasse 6 in der Innenstadt von Wien schon bemerkenswert. Es handelt sich um eine Kostbarkeit der Biedermeierarchitektur, vom berühmten Architekten Paul Sprenger ab 1842 als Archivzweckbau errichtet, 1848 bezogen und bis heute voll funktionsfähig. Vom davor dort befindlichen mittelalterlichen Mariazeller Hof hat sich ein zweistöckiges Kellergewölbe und ein spätgotisches Relief erhalten. Einer der Direktoren des Hofkammerarchivs war übrigens kein geringerer als Franz Grillparzer; sein Arbeitszimmer im Gebäude in der Johannesgasse ist noch im Grunde so, wie er es verlassen hat, erhalten (einer der ganz wenigen, vielleicht der einzige im Originalzustand erhaltene repräsentative Biedermeierraum Wiens); am dort befindlichen Stehpult entstanden etliche seiner weltberühmten Dramen. Neben dem Wert des Gebäudes und der Bedeutung der Archivbestände ist zuletzt auch noch auf die originale Inneneinrichtung des Archivs hinzuweisen; als Archiv dieser Größe vielleicht sogar ein Weltunikat; die hohen Räume, die gedrechselten und bemalten Holzregale und Türfüllungen, die Tausende dickleibiger und in Leder gebundener Folianten, die kalligraphisch beschrifteten Aktendeckel — alles in allem jedenfalls der älteste erhaltene Archivbau Mitteleuropas. 

Angewandter Kulturbolschewismus

Aufgrund einer Geheimanweisung von Bundeskanzler Schüssel aus dem Jahr  2003 wurde von den zuständigen Beamten von Bundeskanzleramt und Staatsarchiv der Plan ausgearbeitet, das Hofkammerarchiv auszuräumen und zu übersiedeln — ins längst überfüllte Staatsarchivgebäude nach Wien-Erdberg. Der bisherige Standort wäre „zu teuer“, war die zu hörende Begründung. Über die ganze Angelegenheit wurde allen Beamten strengstes Stillschweigen auferlegt („Presse“ 2.5.2005), was nicht verblüfft, scheint doch übelste Spekulation hinter der ganzen Angelegenheit zu stecken. Daß das Regime Schüssel in großem Ausmaß ausländische Finanzinteressen bedient, wurde schon öfter kolportiert; dem Bericht der „Ganzen Woche“ (Nr. 37/2003) konnte man jedenfalls Hinweise auf eine der anscheinend größten Immobilientransaktionen in der Geschichte der Zweiten Republik entnehmen — Transaktionen mit Bundesimmobilien, die in großem Stil abverkauft werden. Zunehmend muß man anscheinend davon ausgehen, daß das Duo Schüssel-Grasser auch Bauobjekte historischer und kunsthistorischer Bedeutung verschleudert. Genau dies, so befürchten kulturinteressierte Kreise, ist auch für das Gebäude des Hofkammerarchivs vorgesehen, dessen Räumlichkeiten  im Originalzustand ja nur als Archiv verwendbar sind — nach Ausräumung und aufgehobenem Denkmalschutz allerdings zur „Entkernung“ freigegeben wären und so auf den Markt geworfen werden könnten. Das traurige Beispiel des historistischen Palais der Österreichischen Staatsdruckerei am Rennweg in Wien zeigt den aktuellen Umgang mit der historischen Bausubstanz Wiens sehr deutlich — seit heuer weggerissen. Seit 2001 ist die Wiener Innenstadt zum „Weltkulturerbe“ ernannt worden, wir werden sehen, ob das angesichts solcher Pläne von irgendeinem Wert ist.

Widerstand, Widerstand, Widerstand

Unterzeichnen Sie den Protest gegen die geplante Ausräumung des Hofkammerarchivgebäudes und seine anscheinend bevorstehende Liquidierung. Jede Unterschrift hilft. Der Protest wird den Medien und der Regierung übermittelt. (Post scriptum: Antrag, die Erhaltung des Hofkammerarchiv-Ensembles befürwortend, im Juni 2005 im Wiener Gemeinderat eingebracht von der 3. Landtagspräsidentin Heidemarie Unterreiner; für den Antrag stimmten Freiheitliche und Grüne; gegen den Antrag stimmten Volkspartei und Sozialisten).