Kirche in Österreich 2004/II

Über einen Skandal, eine Kampagne und einen überaus unbequemen Bischof

Die Standards der Kirche sind andere und höhere. Was allgemein geübtes gesellschaftliches Niveau heutzutage ist, kann dennoch bei Klerikern in herausragender Deutlichkeit anstößig werden. Und das gilt ganz besonders natürlich für Bischöfe. Man kann wohl ausschließen, daß Jesus Christus etwa Feiglinge, Opportunisten, Arschkriecher, Lügner, Heuchler und Dummköpfe als Nachfolger der Apostel haben wollte — wenngleich selbst Petrus beispiels­weise Angst hatte und in jener gewissen Nacht den Herrn selbst verleugnete. ­Christus hat verziehen, aber Er hat das Anforderungsprofil nicht gesenkt, und nach allem, was wir ­überliefert bekommen haben und glauben dürfen und sollen, kennen wir Seine ­Vorstellungen von den Bischöfen Seiner Kirche recht genau. Und die Kirche hat bis heute an ­dieser ­Idealvorstellung eines Bischofs festgehalten, auch wenn uns die Geschichte mensch­licher Schwäche und die Hinfälligkeit irdischer Verhältnisse leider mitunter dumme, lügende, feige, opportunistische und heuchelnde Bischöfe beschert hat.

Das besonders Erfreuliche an Kurt Krenn, Bischof von Sankt Pölten, bei all seinen längst ­erkannten Schwächen und Fehlern, ist sein Mut, sein Beharrungsvermögen, sein offenes ­Einstehen für Glauben und Kirche, gerade auch dann, wenn man von ihm den Verrat verlangt und die Kapitulation gewiß der leichtere Weg wäre. Ein Krenn kapituliert nicht; ein Krenn hält stand und bekennt. Und dies ist einer der Gründe, warum dieser Bischof zum Symbol für eine Gegenwartskultur des aufrechten Ganges geworden ist. Gewiß, er mag gesundheitlich angeschlagen sein; aber selbst als Wrack ist er noch beeindruckender als zahlreiche seiner ­zeitgenössischen Amtsbrüder. Möglich, er mag ein Alkoholproblem haben oder auch nicht; seine Kritiker jedenfalls, speziell jene, die der Erzdiözese Wien entstammen, haben ein Modernismusproblem, und das ist wesentlich schlimmer. Alleine ihn im Fernsehen zu ­erleben, ist ein Genuß; seine theologische Standfestigkeit und rhetorische Brillanz selbst nach Jahren ­permanenten Abnützungskampfes und Rufmordes zeigen, daß Rom seinerzeit mit der ­Berufung dieses Mannes eine wahrlich gute Wahl getroffen hat.

Die Standards der Kirche sind andere und höhere. Was allgemein geübtes gesellschaftliches Niveau heutzutage ist, entspricht mitunter nicht Kirchlichen Anforderungen. Darum sind auch der Regens und der Subregens des Priesterseminars von Sankt Pölten zurückgetreten. Der Rücktritt erfolgte zu recht und stellte die von den Betroffenen unaufgefordert gezogene Konsequenz einer von ihnen möglicherweise auch gar nicht verschuldeten, wohl aber zu ­verantwortenden Krise dar. Als „Beweise“ für die ausschweifenden Behauptungen der Medien liegen bislang lediglich verwaschene Photographien vor, welche Befremden hervorrufen ­können und unangemessene Intimität suggerieren, genau betrachtet aber an sich von reichlich dürftiger Aussagekraft und vieldeutiger Interpretierbarkeit sind. Und dann gibt es noch ­fragwürdige „Zeugenaussagen“. Und trüb sind die Kanäle, durch welche jene Privatbilder und „Bekenntnisse“ und sonstige „Informationen“ den erfreuten Sudelgazetten zugespielt ­wurden, um von diesen sofort veröffentlicht und genußvoll kommentiert zu werden.

Die Kirche hat bis heute und aus guten Gründen an der ihr von Christus mitgegebenen ­hohen, beschwerlichen und anspruchsvollen Sexualmoral festgehalten, auch wenn uns die ­Geschichte menschlicher Schwäche und die Hinfälligkeit irdischer Verhältnisse leider mitunter den strauchelnden, schwachen und erbärmlichen Kleriker beschert hat. Aber ­Straucheln, Schwäche und Erbärmlichkeit zeichnen doch in besonderer Weise gerade auch ­unsere heutige Gesellschaft ganz allgemein aus und werden überdies medial nicht bloß ­entschuldigt, sondern an sich sogar propagiert, nicht wahr? Die Kirche verzeiht, aber sie hat bisher das Anforderungsprofil nicht gesenkt. Weder sich selbst gegenüber noch in ihrer ­Verkündigung und Lehre. Und das ist gut so und hat mit jener „Doppelmoral“ nichts zu tun, die ihr beständig, gerne und vorzugsweise von jenen vorgehalten wird, die in ihren eigenen Bereichen längst jegliche Moral  abgeschafft haben.

Zum Skandal

Vorab ist festzuhalten, daß in dieser Angelegenheit alle großen Medien des Landes auf ­antikirchlichen Kurs hin gleichgeschaltet wurden, was uns auch erneut darüber belehrt, daß es mittlerweile vom Orf an (völlig ungeachtet angeblicher „Wende“) über die „Qualitäts­zeitungen“ und diverse Wochenmagazine bis hin zum Boulevard in wesentlichen Fragen keine wirklich eigenständige Meinung mehr gibt. Und die in den Medien dargebrachten Fakten ­vermengen sich mit orgiastischen Unterstellungen und den gängigen antikatholischen ­Gehässigkeiten zu einer schwer durchschaubaren, üblen Melange. Die Sachlage, soweit derzeit entschlüsselbar: Im November 2003 entdecken anläßlich von Wartungsarbeiten ein Techniker und der amtierende Regens des Priesterseminars von Sankt Pölten Hinweise auf strafbare Nutzung pornographischen Bildmaterials aus dem Internet über einen Computer des Seminars. Der Regens informiert den Bischof, untersucht die Sache und rät zur Anzeige bei der Behörde; der Bischof verständigt die Polizei und läßt die Anzeige durchführen. Die Behörden untersuchen den Fall. Vertuschungsversuche, wie sie später medial behauptet ­werden, liegen offenbar nicht vor. Im Zuge der betrüblichen Affäre wird im Juni 2004 von der Polizei im Priesterseminar auch privates photographisches Material sichergestellt, das sehr bald (von gewissen Kreisen in der Polizei?) den Medien zugespielt wird und das, wie das Zeitgeistblatt „Profil“ behauptet, welches als erstes besagte Photographien veröffentlicht (12. Juli 2004), „Sankt Pöltner Jungpriester in perversen Situationen, teils mit ihren Vor­gesetzten“ zeige. Die bislang veröffentlichten Photographien wären ein recht dürftiger Beleg für diese Unterstellung. Vom Orf (erneut Hauptorgan antikirchlicher Agitation) gebrachte anonyme „Zeugenaussagen“ und Behauptungen in den übrigen Medien beschuldigen Regens, Subregens und etliche Seminaristen üppiger homoerotischer Exzesse, wobei zugleich das ­Publikum darüber „informiert“ wird, daß „natürlich“ jeder „seine Sexualität“ ausleben „dürfe“ und daß an allem nur die Kirche und ihre „Verdrängung“ aufgrund ­„verkrusteter“ Moral Schuld trage. Im Oktober des Vorjahres kam überdies ein Seminarist aus Sankt Pölten aus bislang ungeklärter Ursache zu Tode, wobei sicherlich auch ein Unfall nicht ausgeschlossen werden kann. Die linke Gazette „News“ verknüpft die Ereignisse und deutet in ihren ­„Enthüllungen“ an, daß dieser Seminarist in delikate Beziehungen verstrickt gewesen wäre und ermordet worden sei, da er „reden“ habe wollen; Beweise fehlen selbstverständlich bis jetzt auch hier. Inzwischen agieren gewisse Kreise überdies mit Anzeigen, die verschie­denen ausgesuchten Klerikern Sittlichkeitsdelikte vorwerfen, ebenfalls anonym freilich. Im übrigen: der zurückgetretene Regens Küchl und der zurückgetretene Subregens Rothe hatten bislang durchaus den Ruf integrer und kompetenter Geistlicher und bestreiten entschieden, ­homosexuelle Kontakte unterhalten zu haben oder gar zentrale Persönlichkeiten eines ­„ausgelebten homosexuellen Netzwerkes“ (Linksgazette „News“ 15. Juli 2004) gewesen zu sein. 

Aufgedeckt oder vielmehr selbst hervorgerufen?

Von der Erzeugung öffentlicher Empörung und der Struktur einer Kampagne

Exzellenz Krenn hat es bei seinem Auftritt in einer der berüchtigten „Religionssendungen“ des Orf („Kreuz&Quer“ 13. Juli 2004) richtig benannt: die Medien tragen einen ­großen Teil der Schuld am Skandal. Die „Berichterstattung“ zu der Affäre ­vermengt den zentralen, polizeilich festgestellten und ohnehin genau untersuchten Aspekt der Angelegenheit, mit einer Fülle an anderem. Sie vermengt den, traurig genug, Konsum ­pornographischen Materials durch eine oder mehrere Persönlichkeiten des Priesterseminars, mit (teils bereits widerlegten) ­Behauptungen, Unterstellungen, Kriminalisierungen, dem üblichen Rufmord an Mißliebigen, den altbekannten Rücktrittswünschen an den Bischof von Sankt Pölten, den wahnsinnigen „Reformations“- und Deformations-Ideen von in der Kirche eingenisteten progressistischen Zirkeln. Aus all dem Zeitungsgeschmiere gewinnt man inzwischen fast den Eindruck, Krenn habe die Kinderpornographie quasi selbst bestellt. Aus langer Erfahrung heraus zweifeln wir grundsätzlich an der Wahrhaftigkeit liberaler und linker Medien. Sollten sich alle ihre ­Aussagen beweisen lassen, so wären weitere schwerwiegende Konsequenzen für die von dieser „Berichterstattung“ Betroffenen wohl unumgänglich. Sollten wesentliche Teile der veröffentlichten Medien­behauptungen hingegen nicht stimmen, so wären allerdings gleichermaßen schwerwiegende Konsequenzen für die Verantwortlichen diverser Magazine wohl nicht zu ­erwarten. Das ist eine vom politischen System so eingerichtete und gewollte Ungleichheit in der Konfrontation mit dem medialen Apparat; Gegenwehr ist zwar denkbar, für den ­Einzelnen aber ungeheuer schwierig. Die Veröffentlichung jener weit interpretierbaren persönlichen Photographien ­verletzt unserer bescheidenen Meinung nach übrigens rechtlich gesicherte Schutzzonen des Privaten und würde in Anbetracht der Folgen zu einer Befassung der Gerichte einladen. Die Affäre, über die weithin begeistert berichtet und heuchlerisch ­Empörung verbreitet wird, hat selbstverständlich erheblichen Ansehensverlust für die Kirche gebracht; so wie jede ­Sittlichkeits- und sonstige Verfehlung eines Klerikers eben Ansehensverlust für die Kirche in ihrer Gesamtheit bringt. Sinn der „Berichterstattung“ ist, ebenso selbstverständlich, nicht, die Affäre aufzuhellen. Ihre Untersuchung wurde vom Bischof selbst in die dafür denkbar ­kompetentesten Hände, die der Polizei, gelegt, dafür hat es keine Medien gebraucht. Sinn der „Berichterstattung“ ist es, den Schaden für die Kirche und die ­Betroffenen maximal zu ­vergrößern. Die hiesigen Medien sind der Feind des Katholiken, da sie sich in feindlichen Händen befinden und die Kirche hierzulande kaum mehr über einen ihr wirklich zur ­Verfügung stehenden medialen Apparat verfügt. Da hilft auch kein Schleimen und Anbiedern. „Radio Stephansdom“ kann noch so oft und entgegenkommend Werbung für den „Standard“ senden; dieser hetzt dann dennoch gegen Zölibat und Katholische Sexual­moral (13. Juli, 16. Juli, 17. Juli), unterstellt der Kirche „Vertuschung“ (13. Juli2004) und propagiert den Bruch des Konkordates und die politische Einmengung in die Priesterausbildung (17. Juli 2004). Die ­Medien sind die Waffe, mit welcher der permanente Propagandakrieg gegen die Kirche ­geführt wird. Ziel der derzeitigen Porno-Kampagne, welche die engagierte Unterstützung ­linker Cliquen in der Kirche selbst finden, ist der Sturz des für eine weitreichende modernis­tische Umformung der Kirche in Österreich und ihre totale Anpassung an die herrschenden Verhältnisse hinderlichen und unbequemen Bischofs Krenn. Rom wäre gut ­beraten, aus der Affäre Groer gelernt zu haben: daß nämlich Widerstand möglich und ­Widerstand nötig ist; wer den Medien nachgibt, der hat nicht bloß im Moment, der hat auf lange Sicht verloren und wird, da er Schwäche gezeigt hat, die Knute medialer Erpressung ­beständig zu spüren ­bekommen. Wenn Krenn weg ist, wird es in Wirklichkeit schwerer ­werden für die Kirche in Österreich, nicht leichter.

Ein Vergleich zum Abschluß

Im Jahr 1997 flog ein wohl erheblich schwerwiegenderer Kinderpornographie-Skandal auf als jener von Sankt Pölten; der Skandal von Bad Goisern. Hier wurden pornographische Bilder nicht bloß betrachtet, hier wurden pornographische Bilder hergestellt. Ein größerer Kreis von Männern mißbrauchte dafür Buben im Alter von fünf bis vierzehn Jahren. Es kam zu Verhaftungen, wobei mehrere Verhaftete zu den Aktivisten der überaus politisierten hiesigen Homosexuellenszene zählten. Es ist uns, quer durch die Medienlandschaft, nicht erinnerlich („Profil“, „News“, „Standard“ etwa), daß die Namen der Verdächtigten, noch gar Portraits von ihnen veröffentlicht wurden. Für solche Dezenz könnte theoretisch manches sprechen: Unschuldsvermutung, Fairneß, mediale Zurückhaltung bis zum Zeitpunkt eines Gerichts­urteils. Derlei sensible Rücksichtnahme gilt aber anscheinend nur bei Linken und ­Homosexuellenaktivisten. Bei Konservativen und gar bei Angehörigen des Klerus entfaltet sich übelster Gossenjournalismus. Die Namen Küchl und Rothe kennt inzwischen ganz ­Österreich, auch von Angesicht, und bringt sie in Zusammenhang mit einer unappetitlichen Straftat, die sie wahrscheinlich gar nicht begangen haben. Gewisse Skandale schreien zum Himmel und schwerlich erfährt jemand Außenstehender davon, denn die Medienmacher sind involviert oder interessiert. Andere Skandale existieren in der Form oder Tragweite gar nicht, wie sie uns dargeboten werden oder sind gar nur geschickt arrangierte Kunstwerke der ­Niedertracht und der Vernichtung von Ansehen und Vertrauen, doch die Blätter rauschen und die Glotze blubbert wochenlang. Mißtrauen gegenüber den etablierten großen Medien und ihr Boykott sind gute Abwehrmaßnahmen.

Ernst Ehrenburg

„Wenn Sie einem Journalisten begegnen, so schlagen Sie ihn nieder. Wenn Sie nicht wissen, warum, er weiß es.“ Zitat des bedeutenden französischen Oppositionspolitikers Jean-Marie Le Pen.

 

Solidarität mit Bischof Krenn

Wir bitten, die Unterschriften an DIE WEISSE ROSE, Postfach 192, 1060 Wien, senden zu wollen.