Kirche in Österreich 2004/I

Franz Kardinal König, Anmerkungen zu Fiktion und Wirklichkeit

Die Mehrzahl der Nachrufe auf den am 13. März 2004 verstorbenen Erzbischof von Wien, Franz Kardinal König, unterscheiden sich erheblich von jenen, welche auf den im März 2003 verstorbenen Erzbischof von Wien, Hans-Hermann Kardinal Groër, gehalten worden waren. Hier der uns als moderner und weltoffener Intellektueller, als „Brückenbauer“, als Gestalter des Zweiten Vatikanischen Konzils, als Papstmacher, moralische Autorität, wundervoller Seelsorger und als „Jahrhunderthirte“ Angepriesene, gar „Pontifex Austriacus“ Genannte. Dort der als alternder Wüstling, verklemmter Psychopath, Rom-höriger Finsterling und als Schande der Kirche in Österreich Dargestellte, dessen man sich nach vollzogenem Rufmord durch möglichst baldige damnatio memoriae zu entledigen hat. Beide waren sie unsere ­Bischöfe; für beider Seelenheil haben wir gebetet. Das heißt nicht, daß wir mit ihrer Politik und Kirchenführung einverstanden waren. War Groër zu schwach und den Herausforder­ungen andauernder Obstruktion und schließlich brutaler Kriegführung nicht gewachsen, so war König der eigentliche Hauptverantwortliche der fortdauernden Krise des heimischen ­Katholizismus, und es war die von ihm über Jahrzehnte hin geführte und von ihm (und gewiß nicht von Groër) nachhaltig geprägte Kirche in Österreich, aus der heraus diese Krise eigentlich erst entstand. Die nicht endenwollenden Lobeshymnen an den überaus fortschritts­orientierten Kardinal und auch seine quasi vorweggenommene Beatifikation verbergen uns nicht, daß sich die Kirche in Österreich als Konsequenz des Wirkens von Erzbischof König nunmehr mit drastischen Verfallserscheinungen und massivem Bedeutungsverlust kon­frontiert sieht; die Früchte seiner fast dreißigjährigen Regierung erscheinen uns unheilvoll und schmecken verdorben. Das „de mortuis nihil, nisi bene“ hätte selbstverständlich dennoch auch hier Geltung, wäre da nicht die historische Bedeutung Königs als wegweisende Größe in die falsche Richtung. Da diese Richtung korrigiert werden muß, müssen auch die Irrtümer aufgezeigt werden, die dem Wirken dieses Mannes zugrunde lagen.

Zur Person

Franz König, geboren 1905 in Niederösterreich, wurde 1933 in Rom zum Priester geweiht. Von 1934 bis 1937 Kaplan in seiner Heimatdiözese Sankt Pölten, wurde er 1938 daselbst Domkurat. 1945 erfolgte die Habilitation an der Universität Wien als Privatdozent für Religions­wissenschaft, 1948 die Berufung als Professor für Moraltheologie nach Salzburg. 1951 publizierte er das Werk „Christus und die Religionen der Erde“. 1952 ernannte ihn Papst Pius XII. zum Bischof und Koadjutor in Sankt Pölten, 1956 dann zum Erzbischof von Wien. 1958 erhob ihn Papst Johannes XXIII. zum Kardinal, gegen Vorbehalte aus dem kurialen ­Apparat heraus übrigens. König war einer der Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil und wird dem progressistischen Flügel der Kirchenfürsten zugeordnet, der eine weitgehende Anpassung, Angleichung und Unterordnung der Kirche an und unter die Verhältnisse der Moderne durchzusetzen wünschte. In der Folge betraute ihn Papst Paul VI. mit der Leitung des Vatikanischen Sekretariates für die Nichtglaubenden, eine Funktion, die König bis 1980/1981 innehatte und von welcher aus er für die gesamte Kirche anscheinend problematische „Brückenschläge“ und gefährliche Annäherungen einleitete. Auch gilt König als einer der Mitgestalter der möglicherweise fragwürdigen Ostpolitik Papst Pauls VI. 1985 trat er als ­Erzbischof von Wien in den Ruhestand. Mit dem Ende der Amtszeit Erzbischof Groërs ­vermehrten sich wieder seine medialen Stellungnahmen und öffentlichen Auftritte, berüchtigt geworden unter anderem sein ausgerechnet im linken „Standard“ vor Ostern 1999 dargebotenes Interview zur Frage der Leitung der Kirche, in der er einer Entmachtung des Papsttumes das Wort redete. König hat seinen Nachfolgern ein schweres Erbe hinterlassen, dem wir uns in einigen zentralen Aspekten hier widmen wollen.

Der Irrtum der „Äquidistanz“ und des „Dialogs“ sowie die Anpassung an Strukturen des Unrechts

Der dem extremen Progressistenflügel in der Kirche zugezählte Erzbischof von Mailand, Martini, würdigte König als „großen Zeugen des Dialogs“ zwischen Christentum und ­Moderne. Dieser Dialog mit der Moderne ist offensichtlich gründlich gescheitert. Er hat die Kirche in umfassende Auflösungsprozesse hineingeführt, der Gegenwart weitreichenden Glaubensverlust beschert und verheißt für die Zukunft verschärften Feindzugriff auf einen schwach und lau gewordenen Katholizismus, der den Glauben nicht mehr bekennen und verteidigen möchte. Kaum einer der guten Ansätze zur Glaubensverbreitung, unter Papst Pius XII. überaus weitblickend begonnen und offenkundig anders geplant, konnte sich ­wirklich sinngemäß entfalten; „Dialog“ und „Ökumene“, unter anderen Voraussetzungen wertvolle Grundlagen gegenseitigen Verständnisses und Respekts, sind Synonyme geworden für Kirchliche Selbstaufgabe und Selbstzerstörung. Die Zwiespältigkeit zwischen richtigen Ausgangspunkten und katastrophalen Ergebnissen durchzieht das gesamte Pontifikat Pauls VI. und ist auch der Hintergrund, vor dem Person und Wirken Kardinal Königs zu ­betrachten sind. Die seit dem Zweiten Vatikanum vollzogene Angleichung an die Welt („Aggiornamento“) und das übereifrige Bemühen und unwürdige Buhlen um Anerkennung bei linken und liberalen Machthabern hat die Kirche weltweit in einen rapiden Verlust von Identität und Ansehen, Glaubwürdigkeit und Vertrauen hineingeführt, der nur durch die ­große Gestalt des gegenwärtig regierenden Papstes etwas ausgeglichen wird. Persönlich freilich hat sich über den bischöflichen Vertretern dieses Anpassungskurses das Füllhorn veröffentlichter Akzeptanz entleert; je gewaltiger das Desaster für die Kirche, desto maßloser die Belobigungen für die Verantwortlichen. Papst Paul VI. freilich verfügte zuletzt noch über die intellektuelle Redlichkeit, deutlich zuzugeben, daß er sich geirrt hatte, wenngleich es da offenbar schon zu spät für ihn war, noch viel zu korrigieren. König widerrief keinen seiner Irrtümer; aus den Tagen des starken Katholizismus vor und nach dem Zweiten Weltkrieg kommend, führte er die Kirche in Österreich in die Situation, die uns heute bekannt ist. Mitnichten die „neuen“ Bischöfe ab 1986 sind schuld am Desaster, zumindest nicht in dem Sinne, daß sie es verursacht hätten, allenfalls in jenem, daß sie nicht ausreichend gegenzu­steuern vermochten. Es ist der verweltlichte und modern gesonnene Klerus der Ära König ­gewesen, der seit Ende der 80er Jahre den Aufstand gegen Rom und die Tradition geprobt hat. Und es sind abseits fataler Kirchlicher Personalpolitik noch andere Geschehnisse aus dieser Zeit, deren Konsequenz der heutige Ruin ist. Den Beinamen „roter“ Kardinal erhielt König von Personenkreisen, die derzeit von den Medien gerne als „kleingeistig“ bezeichnet werden, die allerdings, ganz im Gegenteil, damals genau sahen, was sich hinter den Kulissen eigentlich abspielte. Gemeint waren die (weit über das Politische hinausreichenden) „Neupositionierungen“ der Kirche, die bei uns mit dem hübschen Beiwort „Äquidistanz“ versehen (und ­verschleiert) wurden. Aus der Zeit Karl Luegers und später aus den schweren Jahren der ­Zwischenkriegszeit heraus gab es ein enges Bündnis von Kirche und Christlich-sozialer ­Partei. Dieses Bündnis bewirkte sehr viel Gutes für das Land; die Kirche stellte mit dem ­Prälaten Ignaz Seipel einen der bedeutendsten Bundeskanzler Österreichs. Dieses Bündnis war auch die Grundlage der herausragenden Abwehrleistungen unserer Heimat gegen rot und braun und dieses Bündnis dauerte, zum Segen für die Bevölkerung, auch noch die ersten fünfundzwanzig Jahre nach 1945 und war eine der Grundlagen des jahrzehntelangen sozialen Friedens bei uns. Es war König, der dieses unbequem gewordene Bündnis dann auflöste, ohne freilich dafür entsprechenden Ersatz, geschweige denn irgendeinen wirklichen Gewinn für die Kirche erworben zu haben. Von Grundhaltungen wie Loyalität, Dankbarkeit, Pietät reden wir hier gar nicht, wir betrachten jetzt lediglich die politischen Auswirkungen für die Kirche und die Gesellschaft und die strategische Kompetenz des hier agierenden Kardinals. Die ­Ausgangspunkte für den Kirchlichen Kurswechsel unter König waren die Wahlsiege der Sozialisten 1970 und 1971, sowie dann die Herausforderung durch die Legalisierung des Abtreibungsmordes in Österreich unter Kreisky im Jahr 1973. König, die Zeichen der Zeit auch im Zusammenhang mit der Anpassungspolitik Papst Pauls VI. deutend, setzte anscheinend viel daran, die Empörung der in der Abtreibungsfrage aufgebrachten und alarmierten Katholischen Bevölkerung zu kanalisieren und verpuffen zu lassen. Ein Kulturkampf über die Frage des Lebensrechtes der Ungeborenen hätte ja auch all seine „Aggiornamento“- und ­„Äquidistanz“-Bemühungen zunichte gemacht. Die Proteste der Kirche in Österreich gegen die Ungeheuerlichkeit eines neuen „Auschwitz“ blieben demzufolge zahm und zahnlos, was König bis heute als „Besonnenheit“ ausgelegt wird. Führende Katholische Politiker erkannten damals allerdings erbittert, daß die Volkspartei, von der Kirche in der Abtreibungsfrage völlig im Stich gelassen, wohl auch in anderen wichtigen Fragen nicht mehr auf Kirchliche Rückendeckung würde zählen können. Övp wie Fpö hatten sich in Bezug auf das Verbrechergesetz der Abtreibung noch mutig den Sozialisten entgegengestemmt; der Justizsprecher der Volkspartei, Walter Hauser, erklärte damals im Parlament gegenüber dem für die „Strafrechts­reform“ verantwortlichen Sp-Justizminister Broda: „Beschließen Sie Ihr Gesetz, wir sagen Nein zu ihm. Nein bei der Abstimmung, Nein im Bundesrat, Nein, wenn Sie wieder ins Haus kommen mit Ihrem Beharrungsbeschluß.“ König hingegen äußerte, daß er die Abtreibungsfrage aus dem Parteienstreit herausgehalten sehen wolle. Es war klar, daß er damit der Volkspartei die Möglichkeit nahm, mit Kirchlicher Unterstützung die Frage in Wahlkämpfen zu thematisieren. Man hörte auch von Klerikern, die öffentlich eine scharfe Haltung gegen die Abtreibung eingenommen hatten und anschließend mit innerkirchlichen Sanktionen ­konfrontiert waren. Die fast völlige Kirchliche Kapitulation in einer Frage derartiger ­Reichweite, wobei sich bis heute der fatale Eindruck von Bequemlichkeit und Opportunismus aufdrängt, war natürlich ein Signal an die Linke. Es war zu erwarten, daß unter König die ­Kirche in Österreich gesellschaftspolitische Gegenwehr weitreichend aufgeben würde, wie das ja dann auch der Fall war. König „schätze Kreisky“ und Kreisky nütze das, um zahlreiche „Katholiken“ ein „Stück des Weges gemeinsam“ gehen zu lassen. Überdies vollzog die Kirche unter König eine „Öffnung nach links“ (Formulierung: H. Andics — Journalist, Kreisky-­Apologet und Verfasser von Büchern zur Geschichte Österreichs mit stark liberaler Tendenz). Ein schönes Beispiel, was das konkret heißt, ist der Religionsunterricht an den Schulen: Die jüngste Anerkennung und Neufassung des Konkordates zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl wird als Erfolg der Ära König gewertet; eine Bestimmung dieses Konkordates ordnet den Religionsunterricht im Land der Kirche zu, wobei die Lehrerschaft dafür vom Staat zu entlohnen ist; so weit, so eindrucksvoll. In den letzten Jahrzehnten aber kam zunehmend der Verdacht auf, daß vielfach längst auch der „Katholische“ Religions­unterricht von linken und ultralinken weltanschaulichen Positionen der Religionslehrer her den Schülern massive Kritik an der Kirche und den Glaubensinhalten vermittelt (eine ­Phaenomen, für das es anscheinend auch genügend Zeugen gibt und das wohl in der Ver­antwortlichkeit der diözesanen Schulämter und ihrer Personalpolitik liegt). Teilweise hatte und hat man überhaupt den Eindruck, daß im gegenwärtigen Klerus in Österreich Links­tendenzen zum guten Ton „Kirchlicher“ Aufgeschlossenheit gehören. Und bei genauer ­Beobachtung lassen sich hier inzwischen Bündnisse vermuten, die von atemberaubender ­Anstößigkeit sind und die König durch zahlreiche ärgerliche und empörende politische ­Auftritte wohl bereits vorweggenommen hatte.

Nicht, daß ein Dialog mit den Sozialisten von vornherein moralisch verwerflich gewesen wäre; auch der Dialog mit den National-Sozialisten, den Kardinal Innitzer versuchte, war nicht von vornherein moralisch verwerflich; allerdings vollzog Innitzer dann die Kehrt­wendung, als deutlich geworden war, daß ein „Aggiornamento“ nicht mehr vertreten werden konnte. König hatte seinen Kurs weitreichender Anpassung an herrschende Verhältnisse nie korrigiert (es regierte leider auch kein Pius XII. mehr). Und König erreichte mit diesem Kurs anschmiegfreudigen Appeasements dreierlei: er ermöglichte der Linken die unbehinderte ­Einleitung eines weitreichenden gesellschaftspolitischen Veränderungsprozesses im Land, dessen fatale Folgen mittlerweile schon sichtbar sind; er öffnete die Kirche der Instrumentalisierung durch die Linke und schaltete sie dadurch als eigenständigen gesellschaftspolitischen Faktor weitgehend aus; und er verriet das alte politische Bündnis mit der Volkspartei und ­löste damit dort einen rapiden Entchristlichungsprozeß aus, was dazu führte, daß aus einer staatstragenden konservativen Kräftegruppierung eine liberale Wirtschaftspartei mit ­ideologischen Linkslastigkeiten wurde. Heute steht die Kirche daher ohne politischen ­Verbündeten da, permanenter Aggression von Links her ausgesetzt, die man durch noch ­weitreichendere Anbiederung an links zu unterlaufen versucht, wobei keine politische Partei mehr bereit ist, die Kirche und den Glauben wirklich zu verteidigen. All dies das politische Endergebnis der Ära König in Österreich.

Zur Geschichte des Konzils empfehlen wir: Pater Ralph M. Wiltgen, „Der Rhein fließt in den Tiber – Eine Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils“, ein fundiertes Werk zu jener folgenschweren innerkirchlichen Weichenstellung; „Lins Verlag“, Feldkirch 1988. Zum Verständnis der Problematik gewisser Tendenzen in der Vatikanischen Politik nach Papst Pius XII.: Pater Malachi Martin, „Der letzte Papst“, ein Roman, der aber wichtige kirchenpolitische Hintergrundereignisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entschlüsselt; „Schneekluth/Bastei-Lübbe“, Augsburg 1997. Über Kardinal ­König und das Problem der Abtreibung findet sich ein interessanter Artikel in: „Der 13.“, Ausgabe Nr. 4/2004; die von der Familie Engelmann seit 1988 herausgebrachte Monatszeitung zählt zu den wichtigen Alternativinformationen über Kirchenfragen in Österreich; Einzelpreis E 2,—, Jahresabonnement E 22,—; (Bezugsadresse: 4115 Kleinzell Nr. 2).