Kirche in Österreich 2002/II

Georg Eder, Erzbischof von Salzburg

Zur Person

Georg Eder, Pfarrer von Altenmarkt, wurde am 17. Jänner 1989 von Papst Johannes-Paul II. zum 77. Erzbischof von Salzburg (und 88. Nachfolger des Heiligen Rupertus) und damit auch zum Primas Germaniae und zum Legatus natus ernannt, mit welchem Titel auch das Tragen des Kardinalspurpurs verbunden ist. Am 26. Februar 1989 erfolgte dann im Dom zu Salzburg durch Erzbischof Berg die Bischofsweihe. Schon die aufgrund eines (mittlerweile als wenig sachdienlich zu bezeichnenden) Salzburger Privilegs der Päpstlichen Ernennung vorangegangene Wahl Eders durch das zwölfköpfige Domkapitel (21. Dezember 1988) war umstritten; das anscheinend eher fortschrittlich gesonnene Domkapitel hatte offenkundig aus einem ihm nicht genehmen Dreiervorschlag Roms auswählen müssen und erging sich anschließend in öffentlicher Rom-kritischer „Erklärung“. Georg Eder wurde 1928 als drittes von sechs Geschwistern am Gräblerbauernhof im Salzburger Flachgau geboren, kam 1946 an die erzbischöfliche Seminarschule Borromäum in Salzburg und trat danach ins Priesterseminar ein. 1956 empfing er durch Erzbischof Rohracher die Priesterweihe, 1964 beschloß er seine theologischen Studien mit dem Doktorat. 1965 wurde er Pfarrer von Lofer, 1970 von Altenmarkt und 1981 auch Dechant des zugehörigen Dekanates. Eder war in seiner Pfarre durchaus beliebt, wie man hört, und dies trotz (oder wegen) seiner konservativen Grundhaltung. Ungeachtet dieser Beliebtheit wäre damals auch nur seine Nennung im besagten (und ja auch in den letzten Monaten wieder vielfach erwähnten) „Dreiervorschlag“, geschweige denn seine Wahl äußerst unwahrscheinlich gewesen, hätte Rom nicht ab Mitte der 80er Jahre begonnen, auf gravierende Fehlentwicklungen in der Kirche (obzwar zu langsam, zu spät, zu ungenügend, aber dennoch) zu reagieren.

Zum Amtsantritt

Die Lage der Kirche Mitte der 1980er Jahre in Österreich hatte sich, verglichen etwa mit Mitte der 50er Jahre, dramatisch verschlechtert. Die von der Generation „moderner“ Bischöfe durchgeführten Versuche der eifrigen Anpassung an den Zeitgeist hatten die Kirchlichen Strukturen auch in Österreich rasch zerrüttet, die Katholische Identität zerstört, zu einem (durch grundsätzliche Klerikerfeindlichkeit und abstrusen Laienkult der neuen „theologischen“ Modeströmungen noch verschärften) drastischen Priestermangel geführt, die klerikale Disziplin unterhöhlt, die Liturgie ruiniert. Die Kirche wurde seit der Machtergreifung der Sozialisten ab 1970 nahezu politisch gleichgeschaltet, was man besonders deutlich an der schwächlichen Haltung Kardinal Königs in der Abtreibungsfrage feststellen konnte. „Mutig“ war der moderne Klerus vor allem dann, wenn es darum ging, an einer eigenen „Landeskirche“ zu basteln, Traditionen abzuschaffen, fragwürdige, aber seiner Bequemlichkeit überaus dienliche Neuerungen einzufordern (Abschaffung des Zölibates, demokratisierte Bischofswahlen, Frauen-„Priester“) und sich von Rom loszulösen (angeblich gar schädlicher „Zentralismus“). Die Fehlentscheidungen der Pontifikate Johannes XXIII. und Pauls VI. brachten genau jene üblen Früchte, vor welchen die Konservativen die längste Zeit schon gewarnt hatten. Solcherart verblüffte der aufbrandende Protest gegen die ab der zweiten Hälfte der 80er Jahre in Österreich ernannten Bischöfe keineswegs, eher schon die Konsequenz, mit der Rom vermittels dieser Personalentscheidungen den Versuch einer vorsichtigen Kurskorrektur unternommen hatte. Eine Kurskorrektur, die schließlich, wie wir heute feststellen müssen, nicht sehr weit ging und die mittlerweile wieder zum Stillstand gekommen ist. In Rom hat sich anscheinend die Konsequenz wieder erschöpft.

Neben den Bischöfen Groër und Krenn war es vor allem Georg Eder, der sofort die empörte Kritik der Linken auf sich zog. Eine äußerst maßvolle, wenn auch sehr aktuell gebliebene Äußerung Eders zum Priestermangel, behutsam auf offenkundige gesellschaftliche Fehlentwicklungen deutend, wurde sogleich zur Staatskrise hochstilisiert: „Nach dem Zweiten Weltkrieg hat ein geistiger Umbruch eingesetzt; technischer Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklung haben das Denken der Menschen verändert; in Richtung mehr Materialismus; durch die Demokratie ist ein fürchterlicher Freiheitsdrang entstanden … man muß diesen Umbruch sehen, das Positive fördern, den Negativa entgegentreten.“ Ungebeten meldeten sich Politiker zu Wort und kommentierten den neuen Erzbischof. Der sozialistische Bundeskanzler Vranitzky meinte, daß die Stimme eines Bischofs bei weitem nicht ausreichen werde, um „Werte der Demokratie“ ins Wanken zu bringen, aber der Staat wäre aufgerufen, darauf zu antworten und sich überall dort zu wehren, wo „Mitglieder der Kirche“ Aussprüche täten, wie eben Eder. Dem anmaßenden Einmischungs- und Einschüchterungsversuch durch den heimischen Sozialismus wurde durch Funktionäre der Volkspartei sekundiert: Der steirische Landeshauptmann Krainer merkte an, er sei froh über seinen Bischof in Graz, und bedauerte unzuständig, daß die „Ortskirchen“ bei der Bischofsbestellung so wenig mitzureden hätten; Vp-Geschäftsführer Marboe erklärte, Eder hätte sich einer „riskanten Wortwahl“ bedient, die man so mißverstehen könne, als wäre Eder gegen die Demokratie. Vizekanzler Alois Mock verhielt sich allerdings überaus couragiert, wies darauf hin, daß Freiheit in der Demokratie auch mißbraucht werde, daß es interessant sei, wer sich jetzt aller Sorgen um die Kirche mache und daß er selbstverständlich dem Ministerrat den Antrag vorlegen werde, Eders Bestellung zur Kenntnis zu nehmen; sozialistische Bestrebungen, die Bestellung abzulehnen (eine gemäß Konkordat mögliche, wenn auch unübliche Vorgangsweise der Regierung), wären „ohne Relevanz“.

Eine ganze Reihe von Eders (notabene sehr klarsichtigen) pastoralen Hinweisen (zu modernem Theater, zu blasphemischen Filmen, zum sogenannten „Sexualunterricht“) wurden knapp vor seinem Amtsantritt ausgeforscht und gehässig in den Medien diskutiert. Einer der bekanntesten: „Aids ist eine Krankheit. Aber die Kapitalursache ist die Sünde der Unzucht. Es gibt die lex naturalis, das sittliche Naturgesetz. Wird diese Ordnung ständig und gravierend übertreten, so rächt sie sich. Man kann das dann mit gutem Recht Strafe Gottes nennen.“ Ganz ohne Zweifel hatte Eder auch hiermit völlig recht; und ebenso ohne Zweifel hatte er durch das öffentliche Formulieren dieser Wahrheit einen Tabu-Bruch ersten Ranges begangen. Promiskuitive Sexualität ist heutzutage und in der westlichen Welt im Range einer Ersatzreligion; Eder legte mit dieser Äußerung gewissermaßen die Axt an das Götzenbild. Die damalige Familienministerin Flemming (Volkspartei, damals in Koalition mit den Sozialisten) gab medienwirksam an, „traurig“ zu sein über die Wahl Eders, welche sie als eine „vertane Chance“ bezeichnete; sie wünsche sich vielmehr Bischöfe, die leidenschaftlich zu den Fragen der Zeit Stellung nähmen, wie es viele Bischöfe in Südamerika täten (der lateinamerikanische Katholizismus war damals bekanntlich noch massiver Kontaminierung durch marxistische Irrlehren ausgesetzt); sie sehe hinter den Ernennungen von betont konservativen Klerikern zu Bischöfen eine Generallinie, die vielen Jugendlichen und Frauen den Weg zur Kirche verbaue. (Und wie traurig daraufhin erst zahlreiche Katholiken über die Vp-Familienministerin waren; so traurig, daß sie dann bis vor kurzem Fpö wählen mußten). Die sozialistische Abgeordnete Traxler erklärte, daß Eders Aussagen in eine „frauenfeindliche Gedankenwelt“ führten. Die sogenannte „Arbeits­gemeinschaft Christentum und Sozialismus“ griff den Apostolischen Nuntius in Wien, Cecchini, wegen der damaligen Bischofsernennungen an. Eine „Solidaritätsgruppe engagierter Christen“ empfahl der Bischofskonferenz, „keinen der gegen ihren Willen von Rom ernannten Bischöfe zu ihrem Vorsitzenden zu wählen.“ Herumpöbelnder Progressivklerus durfte im Fernsehen den Papst ob seiner Personalpolitik als „Diktator“ bezeichnen. Und so weiter und so fort, ein bunter Reigen von Politfunktionären und „engagierten Laien“, in Begleitung permanenter medialer Beleidigungen und Besudelungen des neuen Erzbischofs von Salzburg (etwa: „Letztes Aufgebot“ – die linke Zeitgeistpostille „Profil“, 9. Jänner 1989, über Eder).

Sein Wirken im Rückblick

Mehr als eine Dekade ist vergangen. Die dem Erzbischof entgegengebrachte Ablehnung, ob von außerhalb, ob aus dem Inneren der Kirchlichen Strukturen kommend, blieb brutal, haßerfüllt und zeigte auch Wirkung. Schon bei Amtsantritt nicht mehr bei bester Gesundheit, verbesserte sich diese in permanenter und ihm gegenüber auch immer wieder absichtsvoll herbeigeführter Konfrontation natürlich nicht. Erzbischof Eder erbat bereits heuer vom Papst den vorzeitigen Rücktritt. Hinreichend auszuführen, was Georg Eder bewirken konnte, was er verhindern konnte, worin er scheiterte, würde wahrscheinlich intensiver Forschung und umfangreicher Darlegung bedürfen. Hier nur weniges aus langen Jahren. Vorweg sein Sich-Einbinden-Lassen in die Erklärung von der „Moralischen Gewißheit“ einer „Schuld“ des zur totalen medialen Schlachtung freigegebenen Kardinal-Erzbischofs Hans-Hermann Groër. Diese spezielle Initiative, sie ging gewiß nicht auf Eder zurück, wurde und wird von zahlreichen Katholiken als ebenso außerordentlicher wie niederträchtiger Akt betrachtet; Eders Haltung hat ihm in diesem Fall ausnahmsweise auch von Seiten der Traditionalisten scharfe Kritik eingebracht. Anderes steht dem gegenüber: 1998 eine Kritik des Erzbischofs an jener ideologisierten und überheblichen Pseudowissenschaftlichkeit, die sich permanent gegen das Kirchliche Lehramt stellt. Ein äußerst mutiger Hirtenbrief vom Februar 1999, der scharf den moralischen Niedergang der Gesellschaft geißelt: „Wir haben uns alle verirrt … die „Moral“ der Gesellschaft ist weithin die Unmoral, das Schlechte wird für gut erklärt … die Perversionen der Heiden werden verteidigt, und die Verirrten verlangen Rechte für ihr lebensfeindliches Tun … die Vertreter des Staates, der seine Bürger schützen müßte, verteidigen vehement das Recht zur Tötung … in der Kirche lautet das oberste Gebot offenbar: Kein Kampf, kein Anstoß … So wie es ein Verbrechen ist, den Frieden zu stören, wo die Wahrheit herrscht, so ist es auch ein Verbrechen, den Frieden zu bewahren, wenn der Wahrheit Gewalt angetan wird … .“ Im Februar 2000 ruft der Erzbischof angesichts von Sanktionen und „gewalttätigen Demonstrationen“ zum „Gebet für das Vaterland“ auf und im März 2000 verurteilt er die Eu-Sanktionen und spricht von Unrecht. Im Oktober 2000 suspendiert Eder, begleitet von krassem Protestgeschrei, einen Pfarrer seiner Diözese, der wiederholt Messen zusammen mit methodistischen Pastoren zelebriert hatte. Bei allem Respekt vor anderen Christlichen Gemeinschaften untersagt dies das Kirchenrecht strikt und aus gutem Grund, da solcherart das Verständnis von Messe völlig unterminiert würde. Die daraufhin erfolgenden schweren Angriffe diverser protestantischer Funktionäre, die unter Negativbezug auf das Päpstliche Lehrschreiben „Dominus Jesus“ unmißverständliche Aufforderungen an den Katholischen Klerus richten, sich gegenüber seinem Bischof in den Ungehorsam zu begeben, führen zu einem weiteren Hirtenbrief Eders, dem wahrscheinlich bedeutendsten Schreiben während seiner Amtszeit als Erzbischof von Salzburg und zudem einem der bedeutendsten Dokumente der Kirche in Österreich seit 1945. Wir wollen diesen außerordentlichen Hirtenbrief, er wurde inzwischen mehrfach publiziert und er illustriert am deutlichsten, wer Georg Eder eigentlich ist, hier in Auszügen nochmals bringen. Er beschäftigt sich mit der Heiligen Messe beziehungsweise ihrem Herzstück, der Heiligen Eucharistie; und er ist ein Bekenntnis des Glaubens.

Der Hirtenbrief vom 6. November 2000

„Es ist etwa um das Jahr 110 n. Chr. Im Mittelmeer segelt eine kleine Flotte nach Rom. Auf einem dieser Schiffe sitzt ein Bischof, Ignatius von Antiochien, an die Leoparden gekettet (das sind die Wachsoldaten …). Die Reise geht in den Tod. Spätestens im Jahr 117 wird Ignatius im Kolosseum den Bestien vorgeworfen. Was tut ein zum Tod verurteilter Bischof, wenn er etwas Ruhe hat? Er schreibt Briefe … In einem dieser Briefe heißt es: ‚Bemüht euch, nur eine Eucharistie zu feiern; denn es ist nur ein Fleisch unseres Herrn Jesus Christus und nur ein Kelch zur Einigung mit seinem Blute, nur ein Altar, wie nur ein Bischof …‘ Und im Brief an die Smyrnäer: ‚Keiner tue ohne den Bischof etwas, das die Kirche angeht. Nur jene Eucharistie gelte … die unter dem Bischof vollzogen wird oder durch den von ihm Beauftragten.‘ Das sagt Ignatius, der ‚Zweite Petrus‘ von Antiochia, der zum erstenmal die Kirche ‚Katholisch‘ nennt. … Der Herr … hat den Zwölf … aufgetragen: ‚Tut dies zu meinem Gedächtnis‘ … Er hatte Brot genommen, es gebrochen und den Jüngern gereicht mit den Worten: ‚Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird‘ … Und er hatte den Kelch genommen und gesagt: ‚Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute …‘ Seit den Tagen der Apostel hält die Kirche daran fest, daß in dieser einen Eucharistie das einmalige Opfer Christi am Kreuz … gegenwärtig gesetzt wird durch die Worte des Priesters, die er in der Vollmacht Christi … spricht. Die Einheit der von Christus gegründeten Kirche ging verloren … Aber auch die Sehnsucht wächst … wieder zu einer Kirche zusammenzuwachsen. … Wer, was kann diese Einheit bewirken? … Je länger ich darüber nachdenke, umso deutlicher wird mir, daß es … die Eucharistie ist … Das aber ist heute (noch) nicht möglich. Weil die Auffassungen über Kirche, Amt, Priestertum noch ‚um Welten auseinanderliegen‘, wie eine evangelische Superintendentin vor kurzem sagte. Die evangelische Kirche kennt z.B. gar keine Eucharistie, … sie hat das Sakrament der Weihe nicht; und andere haben noch mehr verloren … Wenn nun ein Priester die Eucharistie mit einem Amtsträger einer anderen Christlichen Gemeinschaft, der ja als Laie keine Priesterliche Vollmacht hat, feiert, täuscht er eine Eucharistie nur vor … Dadurch entsteht aber ein immenser Schaden am Katholischen Glauben und an der Einheit der Kirche … Wie könnte ein Priester die Wiedervereinigung der getrennten Christen dadurch fördern, daß er die eigene Kirche spaltet? … Ignatius von Antiochien beschwört die eine Eucharistie … Man hält dem entgegen, daß die ‚Interzelebration‘ schon ‚gängige Praxis‘ sei. … Das Zweite Vatikanische Konzil spricht anders: ‚Die Bekehrung der Herzen und die Heiligkeit des Lebens … ist für die Einheit der Christen als Seele der ganzen ökumenischen Bewegung anzusehen … .‘ In den Medien wird viel Unsinn verbreitet. Man redet und schreibt kühn darauflos, ohne jegliche Kenntnis der Causa, noch weniger der Geschichte. Und es ist bitter zu beklagen, daß viele … kaum noch etwas wissen über das Wesen der Heiligen Messe. Was wurde denn in den vergangenen drei Jahrzehnten darüber gepredigt? Wie verschwindet trotz der Liturgieerneuerung das Verständnis für die Eucharistie? Fragen über Fragen. Mit Sicherheit wissen mehr als 90% nicht mehr, worum es in dieser Auseinandersetzung geht. Wenn aber die Situation so ist … dann weist dies auf ein langjähriges Versagen der Hirten hin. Wir, die vom Herrn bestellten Wächter, haben unsere Pflicht schlecht erfüllt, wir sind säumig geworden … An den Katholischen Fakultäten der Universitäten lehrten jahrzehntelang Professoren, die das Katholische Dogma der Eucharistie … paralysierten. Im Religionsunterricht wurden und werden die Eucharistischen Wahrheiten mit schweren Defiziten weitergegeben. Ja, die Hirten sind schuldig geworden, das Salz ist schal geworden, es wird bald zertreten werden … .“