Kaiser Franz-Joseph

Zum 90. Jahrestag seines Todes und zum Gedenken an seine gütige Herrschaft

 

Sieg über das Chaos

Franz-Joseph I., Kaiser von Österreich, Apostolischer König von Ungarn, wurde am 18. 8. 1830 als ältester Sohn von Erzherzog Franz-Karl und der politisch begabten und willensstarken Prinzessin Sophie von Bayern geboren. Weitblickend erzog die tatkräftige Mutter, hier in Kooperation mit dem überragenden Staatskanzler Metternich, den Sohn bereits für eine -außerordentliche Stellung, hielt das Kind zu Frömmigkeit, Fleiß und Pflichtbewußtsein an und vermittelte dem Heranwachsenden eine klare Vorstellung von der hohen Würde wie auch Verantwortung des Herrscheramtes. Von den ausgezeichneten Lehrern Franz-Josephs sei -besonders Joseph-Othmar Rauscher erwähnt, der spätere Kardinal-Fürsterzbischof von Wien, der auch Einfluß auf die Formung der Weltanschauung des künftigen Monarchen -gewann.

Franz-Josephs Thronbesteigung erfolgte am 2. 12. 1848 mit achtzehn Jahren, zu Olmütz, -inmitten kaisertreuer Bevölkerung, nachdem Kaiser Ferdinand I. abgedankt hatte. Der Hof hatte sich nach Olmütz begeben, um sich nicht der Erpressung durch die Umstürzler -auszusetzen, die vorübergehend in Wien das Regime an sich reißen konnten. Das Jahr 1848 war stürmisch gewesen; eine international vernetzte Partei von Wahnsinnigen und Verbrechen hatte, enthusiasmiert von den aktuellen Modetorheiten der Zeit — Nationalismus und Liberalismus — Europa erneut in blutige Revolutionswirren gestürzt. Diese hatten auch auf den Österreichischen Kaiserstaat übergegriffen und die friedvolle und idyllische Ära des Biedermeier beendet.

Nach dem Tod von Kaiser Franz (1768—1792—1835), einer eigenwilligen und nicht un-bedeutenden Herrscherpersönlichkeit, führte eine „Staatskonferenz“ für den gutartigen, aber regierungs-unfähigen Nachfolger Ferdinand die Regentschaft. Die hier Metternich zugedachte führende Rolle konnte dieser zum Nachteil des Staates nicht ganz ausfüllen, da interne Divergenzen seinen Einfluß minderten und die Staatsgeschäfte lähmten. Dennoch gelang die Fortführung einer gedeihlichen Entwicklung des Landes, wodurch sich nach zwei Jahrzehnten Krieg und Verarmung im Gefolge der französischen revolution allmählich wieder eine Verbesserung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsschichten einstellte. Die Verweigerung großer Teile der Landbevölkerung des Kaiserstaates dem revolutionären Umsturz gegenüber (gerade auch in den italienischen Provinzen) geht ganz wesentlich auch auf diesen heute selten erwähnten Sachverhalt zurück.

Als im Frühjahr 1848 die einmal mehr von Frankreich ausgehende Revolutionsseuche ausbrach, geschah das bezeichnenderweise als urbanes Phaenomen vor allem in den Metropolen des Reiches — Mailand, Venedig, Budapest, Wien, Prag. Der uneinigen Staatskonferenz entglitt rasch und weitreichend die Kontrolle über die Situation, was mit angemessener Umsicht und Konsequenz wohl kaum passiert wäre. Selbstverständlich konnten dann weder der Rücktritt Metternichs noch einander folgende liberale Regierungen die Lage entschärfen, denn Schwäche verschlimmert bekanntlich ein Übel. Kriegerischer Einfall von außen, verlogen als nationale „Erhebung“ gegen Habsburgs „Fremdherrschaft“ deklariert, die Unfähigkeit der „konstitu-tionell“ gesonnenen Regierungschefs in Wien und fortgesetzte umstürzlerische Verhetzung durch sich als „Demokraten“ bezeichnende Gauner und Agitatoren brachten den Staat an den Rand des Auseinanderbrechens. Es ist eines der Ruhmesblätter in der Geschichte der Alten Armee, daß sie es war, die Aufruhr, Terror und Zerfallsprozeß relativ bald und nachhaltig -beendete. Die Namen der Kaiserlichen Generäle Windischgrätz, Jellaˇci´c und Radetzky stehen für den Triumph einer bewährten und humanen Ordnung über blutigen Irrsinn und somit für einen der erhebendsten Momente der Geschichte des 19. Jahrhunderts. Die Abdankung Ferdinands geschah bereits nach entscheidenden Siegen und der Befreiung Prags, Mailands und Wiens, war kein Zurückweichen vor der revolution, sondern ermöglichte, gestützt auf Heer und loyale Bevölkerungsmehrheit, mit der Person des jungen Monarchen einen Neubeginn.

Verheißungsvoller Anfang und Niederlagen

Franz-Josephs Regierung, eine der längsten in der Geschichte Europas, war durch alle später von außen erzwungene Unstetigkeiten hindurch gewiß eine von Katholizität und Konservativismus geprägte, worin wir freilich keinen Nachteil, sondern Merkmal hoher Qualität erkennen. Das heute vielgeschmähte erste Jahrzehnt dieser Regierung, mit „Neoabsolutismus“ und „Zeit der Reaktion“ bezeichnet, das einer wohlwollenden Kaiserlichen Regierung ohne parlamentarische Behinderung also, war weitreichenden innenpolitischen Reformen gewidmet (die im Gegensatz zum manipulativen Mißbrauch des Begriffes heutzutage den Namen auch wirklich verdient haben). Als ein Beispiel unter vielen sei die von exzellenten Fachleuten -damals eingeleitete Neustrukturierung des Österreichischen Schul- und Universitätssystems erwähnt, welche bis in unsere Gegenwart die Grundlage für den hohen Bildungsstand in Österreich darstellt, auf welchem wiederum die eminenten wissenschaftlichen Leistungen des Landes im 19. und 20. Jahrhundert beruhen.

Jene große innenpolitische Ausbauphase wurde durch Auseinandersetzungen abgebrochen, die mit drastischen Niederlagen Österreichs endeten, wofür die Schlachten von Solferino 1859 und Königgrätz 1866 stehen. Österreich zählte nach 1815, nach dem Sieg über das revolutionäre Frankreich, zu den ersten drei Mächten Europas, dominierte in Italien und Deutschland und erstreckte seinen Einflußbereich über das Mittelmeer weit in die Levante. Gestützt war diese Stellung maßgeblich auf das mit „Heiliger Allianz“ bezeichnete gute Einvernehmen mit Rußland und mit Preußen. Das Zerbrechen dieser Allianz führte zu machtpolitischen Veränderungen zum Nachteil Österreichs, das in den Kriegen mit Frankreich, Piemont und Preußen seine Herrschaft in Italien und seine Stellung in Deutschland einbüßte, wobei beide Konfrontationen Österreich im Grunde aufgezwungen wurden. Durch jene Niederlagen wurde Franz-Joseph auch in der Innenpolitik zu falschen Kompromissen genötigt, womit das auf den Schlachtfeldern siegreiche Feindprinzip, jenes des Liberalismus und Nationalismus, auch im Inneren der Monarchie an Macht gewann. So etablierten sich Parlamentarismus und liberale Gesetzgebung als Zugeständnisse an den Ungeist der Zeit auch bei uns, und durch den wenig glücklichen „Ausgleich“ mit Ungarn wurde der (auch in anderen Ländern und späteren Generationen oft unvermeidbare) Nationalitätenstreit neu belebt und gleichsam institutionalisiert.

Anmerkungen zur aktuellen Polemik

In den drei letzten Jahrzehnten wurde, nur ein bezeichnendes Beispiel für den aktuellen Niedergang, das Österreichische Bildungssystem, einst eines der besten der Welt, systematisch deformiert und kaputt gemacht. Die republik erweist sich, nicht nur hier, hier aber mit -besonders üblen Auswirkungen, einem großen ihr hinterlassenen Erbe als unwürdig und gleicht einem permanenten Abbruchunternehmen. Wobei nahezu alles, was Österreich im wesentlichen -ausmacht, von seiner hohen Kultur bis hin zu seiner heiteren und liebenswürdigen Lebensart, Kaiserliches Erbe ist. Von ihm zehren wir noch heute. Die republik hat, nüchtern betrachtet, wenig zusammengebracht, was im umfassenden Vergleich besonders deutlich wird. Von daher  erklärt sich auch der Haß diverser republikanischer Machthaber auf die Kaiserzeit, die, speziell von linker Seite, einer permanenten Besudelung und Diffamierung ausgesetzt ist, und das umso krasser, als inzwischen die meisten Zeitzeugen, die widersprechen könnten, verstorben sind. Die diesen November stattgehabte und alles bisherige übertreffende Herabwürdigung Kaiser Franz-Josephs (den eine Gazette etwa als „k.&k. Massenmörder“ titulierte) gehört in dieses Kapitel einer ebenso unrühmlichen wie niedrig gesonnenen Gegenwart.

Stets gewählter Angelpunkt der einschlägigen Hetze sind eben jene militärischen Niederlagen des Kaisers, die gerne und hohnvoll mit „selbstverschuldet“ charakterisiert und mit der Zahl der Gefallenen, der Behauptung von der Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit des Monarchen und beigefügter ideologischer Desinformation dekoriert werden. Die Behauptungen, daß der Kaiser kein politisches und militärisches Genie war, daß er krasse Fehler beging, die üble Folgen hatten, und daß die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts einen erheblichen Machtverlust Österreichs brachte, sind alle richtig. Aber auch hier verhilft der heute so verpönte Vergleich zu einer Justierung der historischen Optik. Gewiß, Franz-Joseph war politisch kein Karl der Große und militärisch kein Napoleon und der Grundfehler seiner Außenpolitik, der Bruch mit Rußland im Verlauf des Krimkrieges, verknüpft sich überdies mit dem häßlichen Zug herber Undankbarkeit einem großherzigen Verbündeten gegenüber. Aber politische Fehler sind -anderen auch passiert, aus wesentlich übleren Absichten heraus und mit wesentlich schwer-wiegenderen Folgen. Franz-Joseph war, wenn auch kein Genie, so auch kein Idiot. Er war ein guter Arbeiter, reich an politischer Erfahrung und deutlich um Ausgleich seiner ihm selbst wohl bewußten Schwächen bemüht. Österreichs Machtverlust, wenn auch schmerzvoll, betraf -lediglich dessen Peripherie; man kann umgekehrt auch sagen, daß der Kaiser aus seinen Fehlern lernte, den Kernbereich von Staat und Herrschaft gegenüber allen Herausforderungen der Zeit eigentlich gut absicherte, Österreich als eine der großen Mächte seiner Zeit durchaus erhielt und dies alles sehr wohl in hoher Verantwortung und Liebe gegenüber seinen Völkern. Diese haben die Segnungen seiner Herrschaft auch gut erkannt, und der betagte Kaiser war eine bereits nahezu sakrale Person, die ungeachtet aller innenpolitischen Zwistigkeiten von der weitaus überwiegenden Zahl seiner Untertanen in einer Intensität verehrt und wiedergeliebt wurde, die bis heute noch nachklingt, selbstverständlich aber, auf derzeitige Verhältnisse bezogen und -angesichts der Verachtung, die den Politikern unserer Tage zu Recht begegnet, unvorstellbar ist.

Die freche und verzerrende Einseitigkeit, mit der heute argumentiert wird, belegt sich an vom ORF genüßlich gezeigten Innenaufnahmen eines Beinhauses, bei gleichzeitiger Aufzählung der Toten der verlorenen Kriege („Dokumentarfilm“ zu Kaiser Franz-Joseph, im November -anläßlich seines 90. Todestages gezeigt). Die großartige republik muß freilich keine  Kriege führen, hat daher auch kaum tote Soldaten zu beklagen. Es mag aber erhellend sein, die Zahl der etwa 6000 gefallenen verbündeten Österreicher und Sachsen der Schlacht von Königgrätz, der wohl größten Schlacht des 19. Jahrhunderts, mit der Zahl der seit 1973 allein hierzulande unter Straffreiheit -abgetriebenen Kinder, vorsichtigen offiziellen ärztlichen Schätzungen nach 40 000 bis 80 000 jährlich, zu vergleichen. Wir gewinnen solcherart unverfälschte Maßstäbe für -historische und moralische Urteile. Ja, gewiß, Metternich war der bessere Außenpolitiker und Radetzky der genialere Feldherr; Rußlands Freundschaft verlor man aus Undank und jene Preußens aus Ungeschick; aber um Rußlands Freundschaft zu erhalten, hätte man vielleicht ebenfalls Krieg führen müssen und der Preis von Preußens Freundschaft war offensichtlich Deutschland. Der ideale Monarch ist militärisch so siegreich wie Amerika im Zweiten Weltkrieg, politisch so -erfolgreich wie Augustus, charakterlich ähnelt er Franz von Assisi und ist hübsch anzusehen wie Finanzminister Grasser. Wenn wir uns die im demokratischen Ringelreihen -erwählten -Polit-Funktionäre der Gegenwart betrachten, sehen wir, wie überaus selten all dies wohl zu allen Zeiten und gerade auch heute zutrifft, mit dem großen Unterschied, daß

Franz-Joseph aus wesentlich uneigennützigeren Gründen und anständigerer Grundhaltung heraus Politik -betrieben hat. Und eines steht fest: Grasser ist als Minister nicht einmal halb so gut wie es der alte Kaiser als Regent war.

Resümee

Als mit dem Thronfolgermord von Sarajewo die Kräfte des Fortschritts dem Alten Österreich der Krieg erklärt hatten, war es Kaiser Franz-Joseph völlig klar, daß es um Sein oder Nichtsein der Monarchie ging. Nicht bloß um seine persönliche Herrschaft sondern um den Staat als solchen, um das künftige Gedeihen seiner Völker, um die Fortexistenz Österreichs als Katholischer Gesellschaftsentwurf. Und dem Kampf gegen feindliche Übermacht konnte auch nicht mehr ausgewichen werden; der Gegner wollte ihn und war nur mehr durch völlige Selbstaufgabe zufriedenzustellen. Von daher waren die Worte des Kaisers aus seinem Manifest „An meine Völker“ auch völlig gerechtfertigt. „Ich habe alles geprüft und erwogen. Mit ruhigem Gewissen betrete ich den Weg, den die Pflicht mir weist … “. Die Millionen Toten des Weltkrieges, mit dem sich damals Europas Macht und Herrlichkeit selbst zu Grabe trug, hatte Franz-Joseph weder gewollt noch zu verantworten. Inmitten des Überlebenskampfes starb der greise Monarch, am 21. 11. 1916 in Wien. Mit der Niederlage kam dann im November 1918 das von außen -gesteuerte und von den „Siegern“ gewollte Zerteilen des ehrwürdigsten Kaiserstaates Europas. Und auf den Trümmern der Monarchie schlug Europa den Weg zu erneutem Krieg und zur Völkervernichtung ein. Es war der mitunter überraschend hellsichtige Winston Churchill, der die Zertrümmerung Österreichs als „große Tragödie“ bezeichnete und Folgendes feststellte: „Es gibt keine einzige Völkerschaft oder Provinz des Habsburgischen Reiches, der das Erlangen der Unabhängigkeit nicht die Qualen gebracht hätte, wie sie … für die Verdammten der Hölle vorgesehen sind.“ In der Regel tritt es den Menschen erst in der Nachbetrachtung und Erinnerung deutlich vor Augen, das uns immer wieder verloren gehende Paradies. Und glücklich können sich die Geschlechter preisen, die von einem Fürsten guten Willens geführt, von der Kirche klug beraten und von einer redlichen Beamtenschaft verwaltet werden. Entfaltung von Wohlfahrt, Kultur und Person stützen sich wesentlich darauf. Die Herrschaft Franz-Josephs verfügte, bei aller Unvollkommenheit, über genau das; sie war im Grunde ein Goldenes Zeitalter.