Otto von Habsburg

In dankbarem Gedenken an Österreichs eigentlichen Landesherrn

Otto von Habsburg, Erzherzog von Österreich; Königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen; Herzog von Salzburg; Herzog der Steiermark und Herzog von Kärnten; Herzog von Krain, von Friaul, von Ober- und Niederschlesien; gefürsteter Graf von Tirol, von Kyburg, von Görz und Gradiska; Fürst von Trient und Brixen; Markgraf von Mähren und in Istrien; Graf von Hohenems, von Feldkirch, von Bregenz, von Sonnenberg; Herr von Triest und von Cattaro; Herr auf der Windischen Mark — um nur einige der ihm zustehenden Titel und Herrschaften zu nennen. Geboren am 20. November 1912 in der Villa Wartholz in Reichenau an der Rax; ruhig entschlafen und in eine bessere Wirklichkeit abberufen am 4. Juli 2011 in der Villa Austria zu Pöcking in Bayern.

Vom wahren Europa

Die Nachrufe sind zahlreich, manche davon ausgesucht niederträchtig, viele auch nur dumm; einige in Hinblick auf die Linkslastigkeit in Medien und Politik sogar überraschend fair. Das Land kann sich aus Anlaß des Todes Otto von Habsburgs der Faszination einer großen Vergangenheit nicht entziehen, und gerade auch in Konfrontation mit spürbarem allgemeinem Niedergang wird den Menschen hierzulande bewußt, daß es da Alternativen gibt, einem erhabenen wenn auch verschütteten Erbe zugehörig, das immer noch Wirkmächtigkeit entfaltet — Österreich ist anders und mit der republik durchaus nicht deckungsgleich und hat lange schon vor 1918 existiert. Derzeit wird allerdings, auch unter Freunden, eher auf die Dimension der europäischen Einigung des letzten halben Jahrhunderts verwiesen, die sich mit dem Namen Habsburg verknüpft. Freilich ein legitimer Hinweis. Otto von Habsburg gehört zu jenen, die bald schon erkennen, daß um die Gestaltung Europas auch nach 1945 schwer zu ringen sein wird; daß der Bolschewismus die Freiheit des Kontinents und daß Neuheidentum und Materialismus die geistigen Grundlagen der Humanität bedrohen. In Madrid, unterstützt vom Spanischen Staatschef General Franco, wird 1952 ein politisches Institut („CEDI“) gegründet, Treffpunkt Konservativer aus aller Welt, zusammen mit Habsburg die Einigung Europas unter Christlichen Vorzeichen anstrebend. Es sind dies die zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, in denen große Katholische Staatsmänner wie Charles de Gaulle und Konrad Adenauer agieren; aus Schutt und Verwüstung heraus errichten sie, ihre politische Inspiration dazu, wie Habsburg, der alten Reichsidee entnehmend, den Kern der späteren Europäischen Union — und sie schaffen damit zugleich einen wirksamen Schutzwall gegen den Kommunismus. Dieses frühe und schon damals segensreiche Engagement für Europa wird der Hohe Herr dann später mit der „Paneuropabewegung“ und von 1978/79 bis 1999 als Abgeordneter der Bayrischen CSU fortsetzen, durchaus im Widerstand gegen sozialistische Politiker wie Brandt, Kreisky, Palme und deren fatale „Entspannungspolitik“. Und Habsburg steht auch gegen jene Entwicklungen, die eingeleitet werden, nachdem sich die Linke ab den 1970er Jahren allmählich der europäischen politischen Strukturen bemächtigt, was uns zu jenen trüben Verhältnissen unserer Gegenwart führt, in welchen Inflation, Vergeudung, Extrembesteuerung und Korruption die Europäische Gemeinschaft abwirtschaften und ein nahezu beispielloser und ideologisch vorangetriebener moralischer Verfall eingesetzt hat. Den Kern dieser Problematik, die Zerstörung der eigenen Wurzeln, hat Otto von Habsburg immer wieder thematisiert: „Das Christentum ist die Seele Europas, nimmt man es aus Europa heraus, so stürzt dieses zusammen. Das Kreuz braucht nicht Europa, aber Europa braucht das Kreuz.“ Der Name Habsburg steht für Christliche Politik; und er steht für eine antikommunistische Politik, welche das Diktat von Jalta und die Teilung Europas nicht hinnimmt. Wie „Die Zeit“ (7.7.2011), die linke Sicht dazu wiedergebend, schreibt: „Noch bevor er ausgebrochen ist, zieht Otto Habsburg in den Kalten Krieg, aus dem er die nächsten vier Jahrzehnte nicht mehr zurückkehren soll.“ — Und das kann man auch gar nicht genug würdigen. Ein zu Recht vielerwähnter Moment aus diesen vier Jahrzehnten Habsburgischer Europapolitik ist jenes Picknick von 1989, das als zunächst harmlos scheinendes Volksfest an der Grenze zu Ungarn dann zum Brechen des Eisernen Vorhanges führt und weitreichende Konsequenzen hat. Sehr schön hat es der Erzbischof von Wien formuliert: „Otto von Habsburg war ein großer Europäer von Katholischer Weite; Requiem und Beisetzung sind für Österreich ein historischer Moment; es tut dem Land gut, im Gebet und in Dankbarkeit an diesen großen Habsburger zu denken.“ Völlig richtig — Dankbarkeit: Otto von Habsburgs steter und auch politische Auswirkungen aufweisender Antikommunismus hat sehr vielen Menschen wahrscheinlich sehr viel erspart.

1912–1945

Hineingeboren wird er noch in das Goldene Zeitalter vor jenem Krieg, der dann die Welt massiv zum Schlechteren verändern und den Anbruch einer neuen und blutigen Epoche markieren wird. Die Entente-Lüge von der Schuld, die das Haus Österreich an diesem Krieg habe, wird momentan wieder häufig nachgeplappert und ausgewalzt. Gerade deshalb sei hier festgehalten, daß die Schuld am Ersten Weltkrieg nicht beim Habsburgischen Österreich, sondern bei den damaligen Herrschafts-Eliten der Briten, Franzosen und Russen liegt, welche den Mördern von Sarajewo ihre Unterstützung gegeben und damit ein die Menschheit erschütterndes Kämpfen globaler Dimension böswillig herbeigeführt haben. Das wird Otto von Habsburg in späteren Jahren ebenso klar erkennen wie die Tatsache, daß dieser Krieg nicht nur das alte Österreich zerstört, sondern auch Europa insgesamt um seine imperiale Stellung gebracht hat. Geschichte und Politik werden dem Habsburger früh vertraut; anders als den Jungen von heute. Die Not der Nachkriegszeit trifft die im Exil befindliche Familie schwer; die Linke hat die niederträchtigen „Habsburgergesetze“ durchgesetzt, Vertreibung aus der Heimat und Raub des Vermögens; aber die willensstarke Kaiserin Zita sichert auch nach dem Tod ihres Mannes Fortkommen und Erziehung ihrer Kinder. Otto legt eine überaus niveauvolle Matura ab, spricht zahlreiche Sprachen und erwirbt in Belgien das Doktorat der Universität Löwen aus Politik. Und er zeichnet sich nicht nur durch untadeliges Privatleben aus, sondern stellt sich in düsterer Zeit entschlossen seinen Aufgaben. (Die Predigt von Kardinalfürsterzbischof Schönborn beim Requiem für den Hohen Herrn im Stephansdom am 16.7.2011 hat deutlich auf diesen durch Mut und Beständigkeit geprägten Lebensweg hingewiesen; eine brillante und wirklich tief ergreifende Predigt übrigens — bis auf eine sehr mißverständliche oder auch skandalöse Sentenz über Kaiser Franz-Joseph und den Weltkrieg). Die kommunistische wie die national-sozialistische Bedrohung prägen die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg; Otto von Habsburg involviert sich in den tapferen Abwehrkampf seines kleingewordenen Österreichs gegen die braune Gefahr; die Restauration wird damals zur realen Möglichkeit, findet begeisterte Unterstützung in der Bevölkerung, wird immer stärker in die Erwägungen der Kanzler Engelbert Dollfuß und Kurt von Schuschnigg miteinbezogen. Aber das Land wird alleingelassen; die Westmächte opfern Österreich ihrer „Entspannungspolitik“; Muster politischer Fehlentscheidungen, die sich später wiederholen. Und die Linke kollaboriert mit dem National-Sozialismus. „Lieber Hitler als Habsburg“ ist die Devise einer ideologischen Verblendung. 1938 bringt den „Anschluß“ und erneutes Exil, quer durch Europa und schließlich in den überaus gastfreundlichen und großzügigen USA. Durch freundschaftlichen Zugang zu Roosevelt wie zu Churchill vermag Otto von Habsburg in zahlreichen Interventionen Wertvolles zu bewirken. Und er hätte noch wesentlich mehr erreicht, hätte die mitteleuropäische Linke seine Bestrebungen auf Kosten der davon betroffenen Bevölkerung nicht beständig torpediert; während des Krieges und danach setzt man dort ja auf die Kollaboration mit dem Kommunismus, Benesch und Renner als besonders unrühmliche Beispiele. Die Politik von US-Präsident Roosevelt ist zunehmend ignorant gegenüber den sowjetischen Expansionsvorhaben und bringt dementsprechend unheilvolle Ergebnisse. Otto von Habsburg gehört zu jenen, welche den Westmächten die Wiederherstellung eines eigenständigen Österreichs als plausibles Kriegsziel aufzeigen, was in die „Moskauer Deklaration“ von 1943 Eingang findet, was wiederum 1955 zum Staatsvertrag und zur Befreiung führt. Die Linke hat keinerlei vergleichbare Leistungen aufzuweisen, wird aber, da gefügig, von den Sowjets 1945 in Wien als Marionettenregierung installiert. Eindringlich versucht der Hohe Herr vor der Gefahr eines nach links hin abstürzenden Europas zu warnen und hat seinen Anteil an der für die Selbstbehauptung des Landes äußerst wichtigen Einrichtung einer amerikanischen Besatzungszone in Österreich; er zählt im damaligen Kräfteringen zu jenen Faktoren, die schließlich einen Umschwung vor allem der amerikanischen Politik bewirken, die unter Präsident Truman endlich beginnt, dem Kommunismus scharfe Grenzen zu ziehen.

Nach dem Weltkrieg

Dank stattet die republik keinen ab; im Gegenteil. Bis heute versuchen etwa systemkonforme Historiker die Verdienste des Habsburgers für sein Land kleinzureden. Kanzler Schuschnigg läßt während seiner Regierung immerhin einen kleinen Teil des Habsburgervermögens — Österreich ist ja verarmt — restituieren; die National-Sozialisten beschlagnahmen dieses Besitztum erneut und die republik hat es bis heute nicht wieder herausgegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das vom Ständestaat aufgehobene „Habsburgergesetz“ wieder eingeführt, die abermalige Exilierung Otto von Habsburgs erzwungen. Erst als er 1961 der Erpressung nachgibt und eine „Verzichtserklärung“ unterfertigt, läßt sich dann sein „Landesverweis“ nicht mehr aufrechterhalten; die vom Sozialismus zur Staatskrise hochstilisierte Hetze gegen seine Person wird zum Rohrkrepierer und zu einem der Gründe für eine Wende im Land. Die Alleinregierung des Christlich-konservativen Bundeskanzlers Josef Klaus bringt dann endlich Reisefreiheit in und nach Österreich. Nach langen Jahren ein persönlicher Etappensieg, der ihn aber das große Ziel nie aus den Augen verlieren läßt — die Wiederherstellung einer gerechten Ordnung in Europa, wie es auch die im Stephansdom verlesene Beileidsadresse Papst Benedikts XVI. feststellt. Otto von Habsburg habe es als seine Aufgabe gesehen, daran mitzuwirken, das Verhängnis von 1914 zu tilgen, wie Kardinal Schönborn es ausdrückt. (Eine die historische Dimension des Wirkens des Hohen Herrn gut veranschaulichende Formulierung; korrigierend ergänzt muß werden, daß Kaiser Franz-Joseph für dieses Verhängnis keine Verantwortung trägt). Widersprüchlichkeiten nicht nur in der Predigt im Stephansdom zu Wien. Ein (durchaus angemessenes) Staatsbegräbnis, nach der Zahl der anteilnehmenden Bevölkerung eines der größten der republik; das Läuten der Pummerin-Glocke; zugleich eine überwiegend verpfuschte Übertragung durch den linken Staatsfunk. Die Kaiserhymne, die republik hat es nicht hindern können, haben Tausende mitgesungen, im und vor dem Dom und dann nochmals vor Kirche und Gruft der Kapuziner am Neuen Markt.

Zitate

„Es gehört zum Ruhme des Kaisertums, daß es nicht nur das Reich und die Christlichen Völker nach außen beschützt, sondern daß es auch die sittlichen Werte und den geistigen Schatz des Abendlandes nach Kräften vermehrt hat.“ (Otto von Habsburg über das Mittelalter). „Der Begriff sagt nur, daß alle Macht im letzten Ursprung von oben kommt ... das heißt aber auch, daß über diese Befugnisse dereinst Rechenschaft abzulegen ist.“ (Über das Gottesgnadentum). „Als man drei Jahrzehnte nach dem Ende des Donaureiches daranging, ein neues Europa zu schaffen, waren noch Werte vorhanden, die Österreich-Ungarn unter Einsatz seiner ganzen Kraft und seiner Existenz bis 1918 verteidigt hatte.“ (Zum Ersten Weltkrieg). „Das Römische Sprichwort „Das Verderben des Besten bringt das Schlechteste hervor“ gilt für die Apostasie des Christlichen Erdteils; Ernst Jünger hat dies in poetischer Form gesagt: Dämonen bewohnen die verlassenen Altäre; weil Europa seine Altäre verfallen ließ, sind bei uns die Dämonen eingezogen.“ (Über den geistigen Verfall Europas). „Wir fordern, daß das Unrecht gutgemacht werde; wir fordern darum Gerechtigkeit für die Habsburger; wir glauben nicht an diesen Staat, solange er zu feige ist, Gerechtigkeit zu üben; darum verlangen wir die Aufhebung der Ausnahmegesetze gegen die Habsburger“ (Gemeinderat von Ampass, 1931, zugleich Otto von Habsburg die Ehrenbürgerschaft verleihend).

Vermächtnis an die Heutigen

„Otto Habsburg war eine seltsame Mischung aus visionär und jenseitig. Politische Hellsichtigkeit in vielen Fragen ging Hand in Hand mit reaktionären Ansichten.“ (Linksgazette „Der Standard“ 5.7.2011). Bis auf das Wort „seltsam“, welches durch „folgerichtig“ zu ersetzen wäre, kann man dieser Einschätzung völlig zustimmen; der wesentliche Punkt, der hier übersehen wird, ist, daß, und nicht nur in der Person des Hohen Herrn, politische Hellsichtigkeit und weltanschauliche Ansichten in engem Zusammenhang stehen. Eine sehr bezeichnende und eben jener Hellsichtigkeit entbehrende Verspottung Otto von Habsburgs lautet, daß er „keinen politischen Erfolg“ gehabt hätte. Schon vor Jahrzehnten wußte darauf ein Kardinal aus Rom trefflich zu antworten: „Otto von Habsburg mag nicht viele und keine auffälligen Erfolge gehabt haben; diejenigen aber, die er erreichen konnte, sind um so bedeutungsvoller und sind außerdem zumeist nicht seiner Person, sondern den Menschen seiner Länder zugute gekommen. Überdies bewertet Gott nicht den Erfolg, sondern den guten Willen, und ER wird es einst zu würdigen wissen, daß hier ein Mann seinem Erbe treu geblieben und konsequent einen als richtig erkannten Weg gegangen ist.“ Uns bleibt die Freude, daß wir ihn ein Stück dieses Weges begleiten konnten.

E. v. S.  u.  L. M. v. S.  u.  A. P.